Biografiearbeit in der Jugendhilfe: Wie ein Lebensbuch im Alltag der Wohngruppe gelingt

Inhaltsverzeichnis

Biografiearbeit in der Jugendhilfe gibt Kindern in stationärer Unterbringung etwas, das im Alltag einer Wohngruppe leicht verloren geht: einen roten Faden durch die eigene Geschichte. Ein Lebensbuch hält fest, wer ein Kind ist, woher es kommt, was es kann und wer zu ihm gehört. In meiner Arbeit als Supervisor erlebe ich, dass Teams den Wert der Biografiearbeit kennen, sie im Dienstalltag aber oft nicht verlässlich umsetzen. In diesem Beitrag zeige ich, was in ein Lebensbuch gehört, welche Methoden sich bewähren und wie ein Team Biografiearbeit mit einem einfachen Fahrplan verankert.

Was Biografiearbeit in der stationären Jugendhilfe bedeutet

Kinder, die nicht bei ihren Eltern leben, haben oft Brüche erlebt: Umzüge, Wechsel von Bezugspersonen, Lücken in der eigenen Geschichte. Biografiearbeit heißt, gemeinsam mit dem Kind diese Geschichte zu sammeln, zu ordnen und in eine Form zu bringen, die es behalten kann. Das Ergebnis ist häufig ein Lebensbuch, ein Ordner oder ein Bildbuch, das dem Kind gehört und das es mitnimmt, wenn es die Einrichtung verlässt.

Biografiearbeit ist dabei mehr als ein Erinnerungsalbum. Sie macht Ressourcen und Entwicklung sichtbar, gibt Gefühlen einen Platz und hilft dem Kind, sich selbst und seine Familie besser einzuordnen. Sie ersetzt keine Therapie, sondern ist pädagogische Alltagsarbeit, die auf einer gelingenden Beziehung aufbaut.

Was in ein Lebensbuch gehört

Ein Lebensbuch folgt den Fragen, die sich das Kind selbst stellt. Im Team lohnt es sich, diese Fragen gemeinsam festzuhalten, damit jede Fachkraft weiß, worauf es ankommt:

  • Wer bin ich? Steckbrief, Vorlieben, Eigenschaften.
  • Wo komme ich her? Herkunft, Orte, bisherige Stationen.
  • Wer gehört zu mir? Eltern, Geschwister, andere wichtige Menschen. Dazu die Fragen: Wie sehe ich meine Eltern? Wo sehe ich mich in meiner Familie?
  • Was kann ich? Stärken, Fortschritte, Meilensteine und wichtige Ereignisse.
  • Welche Wünsche und Ziele habe ich? Und was brauche ich dafür von den Erwachsenen um mich herum?
  • Was fühle ich? Auch schwierige Gefühle dürfen vorkommen.
Was in ein Lebensbuch gehört: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wer gehört zu mir? Was kann ich? Was wünsche ich mir? Was fühle ich?Was in ein Lebensbuch gehörtSechs Fragen, auf die das Kind eigene Antworten findetWer bin ich?Steckbrief, Vorlieben,was mich ausmachtWo komme ich her?Herkunft, Orte,Stationen bisherWer gehört zu mir?Familie, Geschwister,wichtige MenschenWas kann ich?Stärken, Fortschritte,MeilensteineWas wünsche ich mir?Wünsche, Ziele,was ich braucheWas fühle ich?Gefühle haben Platz,auch die schweren
Was in ein Lebensbuch gehört: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wer gehört zu mir? Was kann ich? Was wünsche ich mir? Was fühle ich?Was in ein Lebensbuch gehörtSechs Fragen, auf die das Kind eigene Antworten findetWer bin ich?Steckbrief, Vorlieben, was mich ausmachtWo komme ich her?Herkunft, Orte, Stationen bisherWer gehört zu mir?Familie, Geschwister, wichtige MenschenWas kann ich?Stärken, Fortschritte, MeilensteineWas wünsche ich mir?Wünsche, Ziele, was ich braucheWas fühle ich?Gefühle haben Platz, auch die schweren

Methoden der Biografiearbeit, die Kinder mitnehmen

Die Methoden müssen nicht kompliziert sein. Entscheidend ist, dass sie zum Alter und zur Situation des Kindes passen und dass am Ende etwas Greifbares entsteht. Bewährt haben sich zum Beispiel:

  • Steckbrief und Listen: Was ich mag, was ich nicht mag, was ich gut kann.
  • Das Kind auf Tapete malen: Der Umriss des Kindes wird auf eine Tapetenbahn gezeichnet und gemeinsam gefüllt, mit Stärken, Wünschen und wichtigen Menschen.
  • Fotos und Bildbuch: Meilensteine wie Geburtstage, Schulwechsel oder Ausflüge werden laufend festgehalten, nicht erst beim Abschied.
  • Dokumentation mit Bildern: Kurze Notizen zu Fotos helfen, dass Erinnerungen auch nach Jahren noch verständlich sind.

Warum Biografiearbeit im Alltag oft untergeht

In vielen Teams findet Biografiearbeit bereits statt, allerdings eher nebenbei: in Alltagsgesprächen, wenn das Kind von sich aus etwas anspricht, oder in der Vorbereitung auf das Hilfeplangespräch nach § 36 SGB VIII. Ein Fotobuch entsteht dann häufig erst, wenn das Kind die Gruppe verlässt. Die Gründe dafür sind selten fehlender Wille, sondern meist ganz praktisch:

  • Es fehlt Zeit, und Dienstpläne lassen wenig Raum für ungestörte Einzelzeit.
  • Es fehlt ein ruhiger Ort, an dem Kind und Fachkraft nicht unterbrochen werden.
  • Es fehlt eine gemeinsame Dokumentation, sodass Fotos und Erlebnisse verstreut bleiben.
  • Es fehlen Absprachen, wer im Team wann und mit welchem Kind daran arbeitet.

Illustratives Fallbeispiel: Vom Fotobuch zum Fahrplan

Das folgende Beispiel ist zusammengesetzt und verändert, damit keine Einrichtung und keine Person erkennbar ist.

Ein Team einer Wohngruppe für Kinder bringt das Thema Biografiearbeit in die Supervision. Die Beziehungsarbeit gelingt, Material und Ideen sind vorhanden. Trotzdem entsteht ein Lebensbuch meist erst kurz vor dem Auszug, und dann unter Zeitdruck. In Kleingruppen sammelt das Team auf Flipcharts: Wo stehen wir? Was wollen wir erreichen? Was soll in das Buch? Was brauchen wir, und was blockiert uns?

Schnell wird klar, dass es weniger um Methoden als um den Rahmen geht. Das Team vereinbart, ruhige Zeiten im Dienst bewusst zu nutzen, feste Zeitfenster im Kalender einzutragen und ein Schild „Bitte nicht stören“ für Einzelzeiten zu verwenden. Für Gespräche, die mehr Ruhe brauchen, plant es Einzelkontakte außerhalb der Gruppe. Eine gemeinsame Teamvorlage soll sichtbar machen, wo jedes Kind steht. Das Ziel: Biografiearbeit bleibt im Team ein präsentes Thema, ist überprüfbar, und jedes Kind hat am Ende ein Lebensbuch, das ihm gehört. Wie ein Team in der Supervision solche Themen sammelt und sortiert, zeigt der Beitrag Reflexion in der Supervision.

Zum Download: das Beispiel-Handout

Die Ergebnisse aus dem Fallbeispiel habe ich anonymisiert als Handout zusammengefasst: Ist-Zustand, Ziele, Inhalte des Lebensbuchs, Methoden und Fahrplan. Sie können es als Vorlage für Ihre eigene Teamsitzung nutzen. Handout Biografiearbeit herunterladen (PDF, 2 Seiten)

Weitere Vorlagen finden Sie unter Arbeitshilfen für Supervision.

Biografiearbeit im Team verankern: ein Fahrplan in vier Schritten

  1. Ist-Stand klären: Was machen wir schon gut? Wo findet Biografiearbeit heute statt, und wo fehlt sie?
  2. Zeitrahmen festlegen: Den Verlauf grob skizzieren, passend zur voraussichtlichen Dauer der Unterbringung, und feste Zeitfenster im Kalender eintragen.
  3. Ruhige Orte schaffen: Ungestörte Einzelzeit ermöglichen, in der Gruppe, im Freien oder bei einem Einzelkontakt außerhalb.
  4. Überprüfbar machen: Eine Teamvorlage zeigt, wo jedes Kind steht. Das Thema bekommt einen festen Platz in Teamsitzungen, und im Team halten sich alle gegenseitig den Rücken frei. Zwischen den Supervisionssitzungen hilft die kollegiale Fallberatung, einzelne Kinder im Team strukturiert zu besprechen.
Biografiearbeit im Team verankern in vier Schritten: Ist-Stand klären, Zeitrahmen festlegen, ruhige Orte schaffen, überprüfbar machen.Biografiearbeit im Team verankernEin Fahrplan in vier Schritten1. Ist-Stand klärenWas machen wir schon,was fehlt uns?2. Zeitrahmen festlegenFeste Zeitfenster,passend zur Aufenthaltsdauer3. Ruhige Orte schaffenUngestörte Zeit, auchaußerhalb der Gruppe4. Überprüfbar machenTeamvorlage, Kalender,Endprodukt für das Kind
Biografiearbeit im Team verankern in vier Schritten: Ist-Stand klären, Zeitrahmen festlegen, ruhige Orte schaffen, überprüfbar machen.Biografiearbeit im Team verankernEin Fahrplan in vier Schritten1. Ist-Stand klärenWas machen wir schon, was fehlt uns?2. Zeitrahmen festlegenFeste Zeitfenster, passend zur Dauer3. Ruhige Orte schaffenUngestörte Zeit, auch außerhalb der Gruppe4. Überprüfbar machenTeamvorlage, Kalender, Endprodukt

Wie Supervision bei der Biografiearbeit hilft

Supervision schafft den Raum, den der Alltag selten bietet: Das Team tritt einen Schritt zurück, sortiert, was schon gut läuft, benennt, was blockiert, und vereinbart konkrete nächste Schritte. In der Teamsupervision geht es dabei auch um Absprachen und Zusammenarbeit, etwa darum, wie sich das Team gegenseitig Zeit für Einzelarbeit freihält. Geht es um ein einzelnes Kind und seine Geschichte, eignet sich eine Fallsupervision. Mehr zu Supervision in Jugendhilfe, Kita und Sozialarbeit lesen Sie auf der Seite Supervision in der Sozialen Arbeit und Pädagogik. Wie Sie Supervision bei Ihrem Träger beantragen, steht im Beitrag Teamsupervision beantragen.

Biografiearbeit in Ihrem Team voranbringen: Im kostenlosen Erstgespräch von ca. 15 Minuten klären wir Ihr Anliegen, den Rahmen und die Kosten, vor Ort oder online. Vereinbaren Sie ein kostenloses Erstgespräch.

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