Sebastian Flack, Supervisor, sitzt lächelnd im Beratungsraum

Trigger in der Beratung: Was mich piekst und warum

Inhaltsverzeichnis

Wer berät, kennt den Moment: Ein Klient sagt einen Satz, und er sitzt. Der Puls geht hoch, im Kopf formt sich eine Rechtfertigung, und noch Tage später geht Ihnen die Szene nach. Eine Kollegin hätte denselben Satz vielleicht kaum bemerkt. Dieser Beitrag stellt eine Übung vor, die ich in der Supervision einsetze: sieben Schritte, mit denen Sie herausfinden, was Sie an einem Satz getroffen hat und warum. Das Arbeitsblatt dazu können Sie weiter unten kostenlos herunterladen.

Was mit einem Trigger in der Beratung gemeint ist

Im Alltag nennen wir einen Trigger einen Auslöser, der eine stärkere Reaktion hervorruft, als die Situation selbst erklärt. In der Beratung ist das oft ein einzelner Satz: eine Frage nach Ihrer Erfahrung, eine Bemerkung über Ihr Alter, ein beiläufiger Vergleich mit der Fachkraft vor Ihnen. Sie reagieren gereizt, gekränkt oder verunsichert, und die Reaktion bestimmt das weitere Gespräch mehr als das, worum es eigentlich ging.

Gemeint ist hier diese alltägliche Erfahrung im Beratungsberuf, nicht der klinische Begriff aus der Traumabehandlung. Wenn ein Auslöser bei Ihnen belastende Erinnerungen wachruft, die Sie überfluten, gehört das in eine psychotherapeutische Behandlung. Mehr zu diesem Unterschied lesen Sie im Beitrag Trauma verstehen.

Warum derselbe Satz den einen trifft und den anderen nicht

Nehmen Sie die Frage „Haben Sie das selbst schon mal gemacht?“. Die eine Beraterin hört darin: „Sie haben keine Ahnung, wovon Sie reden.“ Der andere hört eine ehrliche Frage und beantwortet sie. Der Satz ist derselbe. Verschieden ist die Behauptung über uns, die wir in ihn hineinhören.

Genau dort setzt die Übung an. Was trifft, ist selten der Satz selbst, sondern das, was er in uns anstößt. Der Satz findet eine Saite, die schon vorher da war. Wer diese Saite kennt, kann beim nächsten Mal bemerken, dass sie gerade angeschlagen wird, und hat dann eine Wahl, wie er antwortet.

Der Satz, der sitzt: die sieben Schritte im Überblick

Die Übung dauert etwa 15 Minuten und wird schriftlich in Einzelarbeit gemacht. Die Schritte bauen aufeinander auf: Die ersten drei halten fest, was passiert ist. Schritt 4 ist der Kern. Die letzten drei fragen, was Sie daraus machen.

Die sieben Schritte der Übung „Der Satz, der sitzt“: 1 Eine Szene, kein Thema. 2 Der Wortlaut. 3 Woran ich es merke. 4 Die unterstellte Behauptung, der Kern der Übung. 5 Der wunde Punkt. 6 Die andere Seite. 7 Der Satz, der gefehlt hat.Der Satz, der sitzt: sieben SchritteVon der Szene über die unterstellte Behauptung zur eigenen AntwortWAS PASSIERT ISTWAS ICH DARAUS MACHE1Eine Szene, kein ThemaEine konkrete Situationder letzten Wochen2Der WortlautWas wurde genau gesagt?Wörtlich, nicht zusammengefasst3Woran ich es merkeWas passiert im Körper?Was wollte ich tun oder sagen?5Der wunde PunktWoran rührt das?Wann habe ich das schon gehört?6Die andere SeiteWovor schützt sich der Klient?Was braucht er?7Der Satz, der gefehlt hatAntworten, ohne sich zu recht-fertigen oder abzuwerten4DER KERNDie unterstellte Behauptung„Mit dieser Aussage hatder Klient über michbehauptet, dass ich …“… nicht qualifiziert bin.… zu jung bin.… austauschbar bin.Was trifft, ist selten der Satzselbst, sondern die Behauptungüber uns, die wir darin hören.
Die sieben Schritte der Übung „Der Satz, der sitzt“: 1 Eine Szene, kein Thema. 2 Der Wortlaut. 3 Woran ich es merke. 4 Die unterstellte Behauptung, der Kern der Übung. 5 Der wunde Punkt. 6 Die andere Seite. 7 Der Satz, der gefehlt hat.Der Satz, der sitztSieben Schritte zur eigenen Antwort1Eine Szene, kein ThemaEine konkrete Situationder letzten Wochen2Der WortlautWas wurde genau gesagt?Wörtlich, nicht zusammengefasst3Woran ich es merkeWas passiert im Körper?Was wollte ich tun oder sagen?4DER KERNDie unterstellte Behauptung„Mit dieser Aussage hat der Klientüber mich behauptet, dass ich …“… nicht qualifiziert bin · … zu jung bin ·… austauschbar bin5Der wunde PunktWoran rührt das?Wann habe ich das schon gehört?6Die andere SeiteWovor schützt sich der Klient?Was braucht er?7Der Satz, der gefehlt hatAntworten, ohne sich zu recht-fertigen oder abzuwerten

Schritt 1: Eine Szene, kein Thema

Wählen Sie eine konkrete Situation aus den letzten Wochen, in der ein Klient Sie geärgert hat. Nicht „schwierige Eltern“ oder „Klienten, die alles besser wissen“, sondern ein Gespräch, ein Raum, ein Moment. Je konkreter die Szene, desto mehr zeigt sich in den folgenden Schritten.

Schritt 2: Der Wortlaut

Schreiben Sie auf, was genau gesagt wurde, wörtlich und nicht zusammengefasst. Die Erinnerung fasst gern zusammen und färbt dabei schon ein. Oft ist der tatsächliche Satz harmloser als das, was wir im Kopf behalten haben. Manchmal ist er auch genauer verletzend, als wir es uns eingestehen.

Schritt 3: Woran ich es gemerkt habe

Was ist körperlich passiert: Hitze im Gesicht, Enge in der Brust, ein fester Kiefer? Und was wollten Sie in dem Moment tun oder sagen: sich rechtfertigen, zurückschlagen, das Thema wechseln? Diese Signale sind wertvoll, weil Sie später daran früh erkennen, dass Sie gerade getroffen sind.

Schritt 4: Die unterstellte Behauptung

Das ist die Schlüsselstelle der Übung. Vervollständigen Sie den Satz:

„Mit dieser Aussage hat der Klient über mich behauptet, dass ich …“

Zum Beispiel: „… nicht qualifiziert bin.“ „… zu jung bin.“ „… austauschbar bin.“

Wichtig ist das Wort „unterstellt“. Es geht nicht darum, was der Klient gemeint hat, sondern um das, was Sie gehört haben. Dieser Schritt trennt den Satz von Ihrer Deutung. Solange beides zusammenklebt, fühlt sich jede Antwort wie Verteidigung an. Sobald die Behauptung auf dem Papier steht, können Sie sie ansehen und prüfen: Stimmt sie? Glaube ich sie selbst ein Stück weit? Und woher kenne ich sie?

Schritt 5: Der wunde Punkt

„Das trifft mich, weil es an … rührt.“ Fragen Sie sich, wann Sie diese Behauptung schon einmal gehört haben, von anderen oder von sich selbst. Häufig führt die Spur zu Themen, die älter sind als die Szene: Leistung, Anerkennung, Zugehörigkeit. Dieser Schritt berührt Biografisches. Deshalb bleibt das Blatt bei Ihnen, und Sie entscheiden, was Sie davon teilen.

Schritt 6: Die andere Seite

Angenommen, der Klient meinte es nicht gegen Sie: Wovor schützt er sich mit dem Satz? Was braucht er? Hier wechselt der Blick. Der Klient wird vom Angreifer zum Informanten. Eine Frage nach Ihrer Eignung kann zum Beispiel heißen, dass er schon einmal schlecht beraten wurde, dass er Angst hat, nicht verstanden zu werden, oder dass er Sicherheit braucht, bevor er sich öffnet.

Schritt 7: Der Satz, der mir gefehlt hat

Formulieren Sie eine Antwort, die sich weder rechtfertigt noch den Klienten abwertet. Es geht nicht darum, die Szene nachträglich zu gewinnen, sondern um einen Satz, den Sie beim nächsten Mal zur Verfügung haben. Oft ist es eine Rückfrage, die das Anliegen hinter der Bemerkung aufnimmt.

Illustratives Fallbeispiel: „Haben Sie eigentlich selbst Kinder?“

Illustratives Fallbeispiel: Das Beispiel ist ausgedacht, um zu zeigen, wie die sieben Schritte zusammenspielen. Es beschreibt keinen realen Fall und keine reale Person.

Eine Beraterin in einer Erziehungsberatungsstelle, Ende zwanzig, ohne eigene Kinder, arbeitet mit einer Mutter an Konflikten mit deren Sohn. In der dritten Sitzung schlägt die Beraterin eine feste Abendroutine vor. Die Mutter lehnt sich zurück und fragt: „Haben Sie eigentlich selbst Kinder?“

  1. Szene: die dritte Sitzung, der Vorschlag zur Abendroutine, die Rückfrage.
  2. Wortlaut: „Haben Sie eigentlich selbst Kinder?“ In ihrer Erinnerung hatte die Beraterin den Satz schärfer abgespeichert, etwa als „Sie haben ja keine Ahnung“.
  3. Woran sie es gemerkt hat: Hitze im Gesicht, sofort der Impuls, ihre Ausbildung aufzuzählen.
  4. Unterstellte Behauptung: „… dass ich nicht mitreden kann und meinen Platz hier nicht verdient habe.“
  5. Wunder Punkt: Als Jüngste im Team hört sie öfter, sie werde das „schon noch lernen“. Die Frage der Mutter trifft genau diese Stelle.
  6. Die andere Seite: Die Mutter hat schon viele Ratschläge bekommen, die im Alltag nicht funktioniert haben. Vielleicht prüft sie, ob diese Beraterin ihren Alltag wirklich versteht.
  7. Der fehlende Satz: „Nein, habe ich nicht. Ich merke, dass Ihnen die Frage wichtig ist. Was befürchten Sie, was mir fehlen könnte?“

Mit diesem Satz verteidigt sich die Beraterin nicht und weist die Mutter auch nicht zurecht. Sie nimmt die Frage ernst und lädt die Mutter ein, ihr Anliegen auszusprechen.

Arbeitsblatt „Der Satz, der sitzt“ zum Download

Das Arbeitsblatt enthält alle sieben Schritte mit Platz für Ihre Antworten. Es passt auf eine Seite und lässt sich ausdrucken oder am Bildschirm ausfüllen.

  • Allein: Nehmen Sie sich 15 Minuten Ruhe und gehen Sie die Schritte schriftlich durch. Das Blatt bleibt bei Ihnen.
  • In der Gruppen- oder Teamsupervision: Alle füllen das Blatt für sich aus, geteilt wird anschließend nur Schritt 4. So bleibt die Hemmschwelle niedrig, und der Kern liegt trotzdem auf dem Tisch.
  • In der Einzelsupervision: Sie bringen das ausgefüllte Blatt mit, und wir arbeiten an den Stellen weiter, die Sie besprechen möchten.

Arbeitsblatt herunterladen (PDF, 1 Seite)

Weitere Vorlagen finden Sie unter Arbeitshilfen für Supervision.

Im Gespräch merken, dass Sie getroffen sind

Die Übung wirkt im Nachhinein. Ihr eigentlicher Nutzen zeigt sich im nächsten Gespräch. Wer die Signale aus Schritt 3 kennt, bemerkt sie früher: die Hitze, den Drang zur Rechtfertigung. In dem Moment hilft eine kurze innere Frage aus Schritt 4: Was höre ich gerade über mich? Schon diese Frage schafft etwas Abstand. Dann fällt es leichter, nachzufragen statt sich zu verteidigen, und das Gespräch bleibt beim Anliegen des Klienten.

Wiederkehrende Behauptungen lohnen einen zweiten Blick. Wenn Sie in mehreren Szenen dieselbe Unterstellung finden, ist das ein Thema für die Reflexion in der Supervision. Es gehört auch zur Selbstfürsorge in der Sozialen Arbeit, solche Muster nicht allein mit sich auszumachen.

Trigger in der Supervision bearbeiten

In meiner Supervision arbeite ich mit Beratern, Coaches, Therapeuten und Fachkräften aus Sozialer Arbeit, Pädagogik und Pflege. Sätze, die sitzen, gehören zu den häufigen Anlässen: Sie zeigen, wo die eigene Person in die Arbeit hineinwirkt. In der Einzelsupervision schauen wir auf Ihre eigenen Anteile. In der Team- oder Gruppensupervision kommt hinzu, dass ähnliche Sätze oft mehrere Kolleginnen und Kollegen treffen, und das Team gemeinsam eine Haltung dazu findet. Wie die Arbeit an einem konkreten Fall abläuft, zeigt der Beitrag Fallsupervision: Ablauf in sechs Schritten.

Für Teams in Jugendhilfe, Kita, Schule und Beratungsstellen finden Sie mehr auf der Seite Supervision in der Sozialen Arbeit und Pädagogik. Die Sitzungen finden vor Ort oder als Online-Supervision per Video-Call statt.

Ein Satz, der bei Ihnen sitzt? Im kostenlosen Erstgespräch klären wir Anliegen, Rahmen und Kosten, vor Ort oder online, deutschlandweit. Vereinbaren Sie ein kostenloses Erstgespräch.

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